15 Uhr Stunde

Cornelia Dierl, Ambulante Pflege

Komplizierter Pflegealltag - die Bürokratie hinter der Pflege

Im eng getakteten Alltag von ambulanten Pflegerinnen und Pflegern wie Cornelia Dierl in 24h Bayern bleibt kaum Zeit für ein Gespräch mit dem Patienten, schließlich wartet schon der nächste auf sein Mittagessen. Häusliche Pflegedienste stehen vor dem Dilemma, den Menschen die nötige Zuwendung zu geben und gleichzeitig wirtschaftlich zu arbeiten.

Die Vergütung ambulanter Pflegedienste durch die Pflegeversicherungen.
Die Vergütung ambulanter Pflegedienste durch die Pflegeversicherungen.

Michael Jakobi ist Referent für die ambulanten Pflegedienste beim Caritasverband der Erzdiözese München und Freising. Der 57-Jährige hat früher selbst in der Pflege gearbeitet und weiß wie schwer es ist, jeden Tag aufs Neue die Touren für die Mitarbeiter zu planen. In den Caritas-Sozialstationen (München und Freising) sind momentan rund 955 Mitarbeiter beschäftigt, sie sind pro Jahr für rund 6000 Patienten zuständig.

Worauf achten Sie, wenn Sie die Tour einer Pflegekraft planen?

Michael Jakobi: Unser oberstes Gebot lautet: Halte die Wege kurz. Eine Tour wird so gestaltet, dass die Mitarbeiter so wenig wie möglich zwischen den Patienten hin-und herfahren müssen. Früher haben uns Stecktafeln geholfen, mittlerweile behalten wir mithilfe von Computerprogrammen den Überblick. In München ist eine Sozialstation nur für bestimmte Stadtteile zuständig. Auf dem Land ist das schwieriger. Da fahren die Mitarbeiter viel mehr Kilometer, weil wir möglichst flächendeckend präsent sein, das heißt jeden Menschen aus jedem noch so kleinen Ort versorgen, möchten. Dann müssen wir beurteilen, wie lange die Pflege bei den einzelnen Patienten dauert. Es nützt nichts, wenn ich der Pflegekraft 15 oder 18 Leute in die Tour reinsetze, weil die Wege so schön kurz sind, sie schafft aber nur zwölf Patienten in ihrer Arbeitszeit.

 

Das hört sich nach täglichem Stress für die Planer an….

Sie müssen sich vorstellen, die Pflegedienstleitung kommt in der Früh rein, dann ist auf dem Anrufbeantworter schon die Tochter eines Patienten, der in der Nacht ins Krankenhaus musste. Der nächste kommt von der Mitarbeiterin, die sich krank meldet. Schon muss eine Tour komplett verteilt und die andere neu gestaltet werden, weil ein Patient weggefallen ist, der vielleicht eine Stunde Arbeitszeit verursacht hat. Also das ist kein einfacher Job.

Michael Jakobi, Referent für die ambulanten Pflegedienste beim Caritasverband der Erzdiözese München und Freising
Michael Jakobi, Referent für die ambulanten Pflegedienste beim Caritasverband der Erzdiözese München und Freising

Fünf Minuten Zähneputzen, 20 Minuten für Duschen. Wie hoch ist da der Zeitdruck?

Selbstverständlich ist der Zeitdruck hoch. Die Pflegeversicherung ist zuständig für einen Leistungsbereich wie das Duschen, aber nicht dafür, dass ich mir nach dem Duschen noch Zeit lasse, um mit den Angehörigen ein Gespräch zu führen oder mit dem Pflegebedürftigen hinterher noch eine Tasse Kaffee zu trinken und mir anzuhören wie es in der Nacht gegangen ist. Das ist etwas, das nicht bezahlt wird. Leistungen wie Zähne putzen, waschen oder kämmen kosten einen bestimmten Preis, egal wie lange sie wirklich brauchen. Und diese Preise bestimmen natürlich indirekt die Anwesenheitszeit des Pflegedienstes. Wenn ich für eine Leistung 3,50 Euro bekomme, dann ist es nur schwer möglich, zehn Minuten oder eine Viertelstunde da zu bleiben. Wir als Caritas-Verband setzen auch Eigenmittel ein, um den Zeitdruck ein klein wenig herauszunehmen.

 

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie noch?

Also unsere momentan größte Herausforderung als Träger ist es genügend Pflegekräfte auf dem Markt zu finden, um all die Anfragen zu befriedigen. Wir suchen deutlich länger nach Personal, wenn eine Stelle frei geworden ist, als in früheren Jahren. Im Bereich der examinierten Pflegekräfte wie Krankenpflege und Altenpflege würde ich sagen ist der Markt so gut wie leergefegt.

 

Sind die Anfragen nach ambulanter Pflege gestiegen?

Ja, deutlich. Immer mehr Menschen möchten so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung wohnen bleiben und zu Hause gepflegt werden. Dazu kommt, dass mit der Einführung des Pflegestärkungsgesetzes 2 Anfang Januar demenzkranke Menschen einen besseren Zugang zur Pflegeversicherung haben. Deswegen rechnen wir auch in dem Bereich mit vermehrten Anfragen. Bei dementiellen Erkrankungen steht die Betreuung im Vordergrund und nicht so sehr die Unterstützung bei der Körperpflege oder bei der Ernährung. Und da müssen wir natürlich auch erst einmal Personal finden, vor allem in Ballungsräumen wie München ist das nicht sehr einfach.

 

Autorin: Nina Pietschmann