22 Uhr Stunde

Muharrem Kaya, Taxiunternehmer

Was bedeutet eigentlich "Heimat"?

Muharrem Kaya ist Taxifahrer in Unterfranken und bezeichnet Lohr am Main als seine Heimatstadt. Doch so einfach lässt sich die Frage nach der eigenen Identität nicht beantworten. 

 

Was bedeutet „Heimat“ für Sie?

Muharrem Kaya: So ganz eindeutig kann man diese Frage nicht beantworten. Natürlich habe ich nicht vergessen woher ich komme und die Türkei ist selbstverständlich immer noch meine Heimat. Aber mein Leben ist hier. Meine Kinder sind hier geboren und unsere Freunde und unser komplettes soziales Netz sind hier in Deutschland. Ich selbst war jahrelang aktiv im Fußballverein von Lohr und Umgebung. Genauso meine Kinder: die sind in Sport- und Musikvereinen aktiv, spielen Fußball, Tennis, Gitarre, meine Tochter macht Ballett.

Wir sind alle fest verwurzelt in Lohr, also ist Deutschland genauso unsere Heimat – wenn nicht sogar noch mehr. Oft wird mir die Frage gestellt: „Fühlen Sie sich eigentlich mehr als Deutscher oder mehr als Türke?“ Ich sage dann immer: „Ich fühl‘ mich hier zu Hause, ich hab‘ hier meine Arbeit, meine Familie…“. Man sagt ja, Heimat ist da, wo das Herz ist. Mein Herz ist halt durch zwei geteilt.

 

Woher aus der Türkei kommen Sie genau?

Meine Familie stammt aus Mut am Mittelmeer. Ich bin seit 1978 in Deutschland, meine Eltern schon ein paar Jahre länger. Während die beiden sich in Deutschland eine Existenz aufbauten, wuchs ich bei den Großeltern in der Türkei auf. Fünf Jahre später holten mich meine Eltern dann nach.

Wir haben zwar noch Verwandtschaft in der Türkei, aber wenn man emigriert entfremdet man sich mit den Jahren immer mehr. Das will man zwar nicht wahrhaben, ich merke das allerdings immer wieder. In der Türkei bin ich immer „der Deutsche“ und Deutschland immer „der Türke“. Das hat was „Heimatloses“, weil man in keiner der beiden Gesellschaft als hundertprozentig zugehörig angesehen wird.

Man kann es aber genauso auch andersherum sehen: Ich bin zwar einerseits gespalten, andererseits fühle ich mich aber beiden Ländern sehr verbunden und fühle mich heimisch. Deswegen finde ich auch, dass man sich nicht entscheiden müssen sollte, wo man „mehr“ hingehört. Das kann man auch gar nicht, denn es geht um Gefühle, die man in seinem Herzen hat, die lassen sich schlecht beeinflussen. Und man sollte auch nicht vergessen, wer man ist und woher man kommt.

 

Vermissen Sie das Leben in der Türkei manchmal?

Klar vermisse ich das. Vor allem, wenn ich zum Urlaub machen drüben bin und an die alten Zeiten und meine Kindheit zurückdenke – es war wunderschön damals. Aber das war früher und man kann die Zeit nicht zurückdrehen. „Vermissen“ gehört eben zu meinem Leben. Aus diesem Grund versuche ich auch so oft wie möglich in die Türkei zu fahren.

 

Sprechen Sie Deutsch und Türkisch gleich gut?

Ja, ich würde sagen, mein Deutsch ist genauso gut wie mein Türkisch. Das ist mir auch bei der Erziehung meiner Kinder wichtig gewesen. Aber man muss mit einer Sprachen anfangen und die erstmal perfekt beherrschen, um ein gutes Fundament zu haben.

Meine Kinder haben die ersten drei Jahre nur türkisch gesprochen. Meine Frau war als unsere Kinder klein waren für längere Zeit mit ihnen in der Türkei, weil ich wollte, dass sie türkisch akzentfrei lernen. Viele der hier lebenden Türken haben einen deutschen Akzent beim türkisch Sprechen. Das wollte ich nicht für meine Kinder. Und als mein Sohn und meine Tochter in den Kindergarten kamen, haben sie innerhalb von drei Monaten deutsch gesprochen.

 

Spielt es in Ihrer Heimatstadt Lohr noch eine Rolle, dass sie ursprünglich aus der Türkei stammen?

Eigentlich nicht. Der Vorteil an einer Kleinstadt wie Lohr ist, dass man sich gegenseitig kennt und die Leute wissen, wie sich Dich einzuschätzen haben, genauso andersherum.

Ein weiterer Grund könnte auch sein, dass ich sehr streng dreinschauen kann. Früher war ich mal Bodyguard, der strenge Blick ist mir wohl seither geblieben. Ich denke das alleine hält viele davon ab blöde Sprüche zu reißen.

Aber wenn ich aus Lohr rausfahre, kommt es trotzdem immer mal wieder vor, dass ich abschätzige Blicke bekomme. Und es wird einem in solchen Momenten bewusst, dass viele Menschen dich einfach nur als „Ausländer“ sehen. Früher ist mir das häufig passiert. Wenn ich zum Beispiel in Würzburg in Diskotheken gehen wollte, kam es durchaus vor, dass ich nicht reingelassen wurde – nicht mal in Begleitung von deutschen Freunden.

 

Sie sind ein Beispiel dafür, was man in Deutschland „gelungene Integration“ nennt. Was müsste ihrer Meinung nach getan werden, damit Integration in Deutschland funktioniert?

Beide Seiten müssten was dafür tun. Beide Seiten müssten lernen aufeinander zuzugehen, den anderen so akzeptieren und respektieren wie er ist.

Wenn man versucht, jemanden „Deutsch zu machen“ funktioniert das nicht. Andersherum ist es natürlich auch ein Problem, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Das war bei meinen Eltern so und ist bei vielen auch heute noch so. Es ist auch klar, dass es der Elterngeneration schwerer fällt einen neue Sprache zu erlernen als ihren Kindern, aber so müssen die Kinder immer mit zum Arzt oder zu Behörden, um zu übersetzen, das ist natürlich auch nicht optimal.

 

Autorin: Bidisha Dutta